DEUTSCH-BALTISCHE GESELLSCHAFT

  • Festakt im Hamburger Rathaus anlässlich des Bundestreffens 2017
  • Frühlingsball in Hamburg 2017
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  • Johannifest 2017 im Baltenhaus
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  • Generationentreffen in Annaberg 2016
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  • Internationale Kulturtage Mare Balticum 2016
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  • Das Haus der Deutsch-Baltischen Gesellschaft in Darmstadt
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  • Gartenausstellungen am Haus der Deutsch-Balten in Darmstadt
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  • Tallinn in Estland
    Tallinn in Estland

Frank von Auer

Aspekte deutsch-baltischer Kulturarbeit

Statement beim Festakt zum 60jährigen Bestehen der Deutsch-Baltischen Gesellschaft am 4. Juni 2010 in Darmstadt, Hotel Maritim

(Anrede)

Das Römische Reich ist versunken. Die Sowjetunion ist vergangen. Und auch die Deutsch-Baltische Gesellschaft ist nicht mehr die jüngste. Das menschliche Leben ist endlich; und endlich sind die Organisationsformen, die es sich gibt. Wir müssen also weder über die Ewigkeit spekulieren, noch verflossenen Ewigkeiten nachtrauern. Wir sind frei, über unsere facettenreiche Geschichte und - ebenso gelassen, ja frohgemut über die Zeit nachzudenken, die uns verbleibt. Was bedeuten uns unsere kulturellen Traditionen, wenn wir sie unter dem Aspekt einer gestaltbaren Zukunft sichten? Das ist mein Thema.

Zunächst: wir leben weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Unsere Gegenwart ist Deutschland als europäischer Partner in der globalen Welt. Sind wir in dieser Gegenwart angekommen? Die Jüngeren sind schon als Eingeborene zur Welt gekommen; die Älteren leben hier seit 65 Jahren; und die ganz Alten haben schon zu ihren Lebzeiten im Baltikum Deutschland emotional als ihr geistiges Vaterland empfunden. Bei allem Schmerz über den Verlust der Heimat fiel fast allen die vorbehaltlose Integration in der Bundesrepublik relativ leicht. Im kommunistisch beherrschten Osten Nachkriegs- deutschlands war das schwerer.

In den neuen, zunächst fremden Umgebungen gaben unsere Traditionen uns Halt. Wir suchten und fanden die menschliche Nähe, die Wärme der Begegnung mit Landsleuten, die Unterstützung durch unsere Hilfsorganisationen, das Gespräch im vertrauten Idiom der Heimat. Noch heute beherrschen auch Jüngere dieses „rrainste Hochdeutsch“ als Ausweis ihrer eigentümlichen Sprachmächtigkeit. Immer noch schätzt die baltische Damenwelt den Handkuss als Zeichen ritterlicher Umgangsformen. Selbst unsere Konflikte tragen wir zumeist in konservativer Honorigkeit aus. Dieses sind keine belanglosen Äußerlichkeiten, sondern liebenswerte Erkennungszeichen unserer Gemeinschaft, Kennzeichen eines stets erstrebenswerten guten Tones.

Lassen wir nur wenige Streiflichter über andere Traditionen schweifen: Missionare und Ritterorden brachten dem Baltikum das Christentum – aber auch viele um ihr Leben, die sich nicht taufen ließen. - Deutsche vermittelten europäische Standards in Recht, Handel, Bildung, Verwaltung und entwickelten das Land – aber sie nahmen es auch in Besitz. Deutsch war die Amtssprache der herrschenden Schicht – aber deutsche Pastoren schufen die ersten Grammatiken und schrieben die ersten Texte in den Sprachen der autochthonen Bevölkerung. Die erstarkenden Nationalbewegungen trafen auf den Widerstand der Deutschen – die sich dann aber als Bürger der baltischen Staaten mit ihnen abfanden und an ihrem Aufbau mitwirkten (soweit man sie ließ). Mit den Titularnationen kämpften die Deutschen gegen die Sowjetisierung des Landes – aber verweigerten ihnen unter dem Nationalsozialismus ebenfalls ihre Selbständigkeit. - Gewiss können solche Akzente anders gesetzt und differenzierter dargestellt werden; unerlässlich aber ist es, das facettenreiche Bild wahrzunehmen, das einem unverstellten Rückblick auf unsere Geschichte erscheint.

Woran also kann unsere kulturelle Arbeit anknüpfen? Manche schnüffeln beharrlich in den sandigen Stränden der Ostsee nach den Trüffeln baltischer Werte – vergeblich: Denn bei kritischer Prüfung entfalten sich alle vermeintlich baltischen Werte als vermittelte Wertvorstellungen aus christlicher Tradition und europäischer Kultur. Und wie anderswo waren sie auch bei uns Deutschbalten keineswegs als allgemeingültig und persönlich bindend akzeptiert. Wie oft ist nicht auch in unserer Geschichte Humanität verletzt und Mitbürgern der respektvolle Umgang verweigert worden? Nein, wir sind nicht ausgezeichnet durch die bindende Kraft besonderer, uns gar besonders verpflichtender Werte. Baltesein selbst ist kein Wert, sondern ein geschichtlicher Umstand. So bleibt uns die zweifache Aufgabe: der kritischen Reflexion unserer Geschichte und der Aneignung unseres Erbes in eigener Verantwortung. Es muss erworben werden, damit es sich bewähren kann.

Unsere Kulturarbeit wird bedenken, dass wir nicht nur eine Geschichte haben, sondern in der Gegenwart leben. Nicht nur unsere alten Menschen erwarten, dass unsere Vereinigung ihnen eine vertraute Heimstatt ist. Missachten wir deshalb unsere Kaffeekränzchen nicht! Und nicht die Adventstreffen mit den beseligenden Piroggen! Sie bieten Zeit zum Gespräch unter Landsleuten. Wir nennen das „Kakeln“. Sie müssen nicht unbedingt dem Anspruch Frau Krakel-Kakels an ihren Gatten genügen, den Manfred Kyber in seinen „Tiergeschichten“ überliefert: „Jakob, kakle die Wahrheit!“ - Auch gepflegte Geselligkeit ist Kultur. Zur Pflege unserer spezifischen Festkultur muss man nicht auffordern – wohl aber die mit einer Damenrede beglückten Damen zu Polonaise, Tourenwalzer und Francaise, die Jung und Alt gemeinsam und in der Regel anmutig zelebrieren – auch wenn Vengerka und Troika eher unter die sportlichen Veranstaltungen zu zählen sind. Einfacher, doch gleichwohl gefahrvoll ist es, jenem klaren Wässerchen zuzusprechen, zu dem die Sakuska gehört, das Beibrot, das „mit aproximativer Gleichzeitigkeit“ einzunehmen ist, wie Werner Bergengruen mahnt. Ja, auch unsere Heimatdichter gehören zur emotionalen Heimstatt: Siefried von Vegesack, Gertrud von den Brincken, Else Hueck-Dehio und die vielen anderen, die von manchen für Sachwalter baltischer Hochkultur gehalten werden. Auf seine Weise bestätigt sie der Rigenser Heinz Erhardt: „Das, was man so als Dichter schreibt,/ vergeht entweder oder bleibt.“ - Bisweilen wird sogar der wirklich Großen gedacht: des Dramatikers und Lyrikers Jakob Michael Reinhold Lenz, der „den Übergang ... zum sozialreformerischen Sturm und Drang“ vollzog, wie der baltische Literaturwissenschaftler Gero von Wilpert urteilt; oder des Erzählers Eduard Graf Keyserling mit seinem (nach Wilpert) „Schwanengesang einer überalterten Lebensform und einer dekadenten Gesellschaft“. Ihre Gesellschaftskritik traf in der Heimat auf wenig Sympathie; und nicht nur sie entwichen deren provinzieller Enge. So wirkten in Deutschland der Musiker Eduard Erdmann oder die Wissenschaftler Georg Dehio und Johannes Haller; im Ausland auch der Biologe Karl Ernst von Baer, der zuerst das Säugetierei fand, denn aber den Evolutionsstreit gegen Charles Darwin verlor. - Und es gab die Gegenrichtung: Manchen Großen der Kulturgeschichte verschlug es ins Baltikum – Reformatoren aus Wittenberg (Martin Luther selbst leider nicht; aber dafür schrieb er uns drei schöne Briefe), Paul Fleming aus Holstein, Johann Gottfried Herder oder Richard Wagner – wie lange zuvor schon das mittelalterliche lübische Recht diesen Weg nahm, die deutschen Baumeister, Altarschnitzer, Maler oder Orgelbauer. Vor uns steht eine reichhaltige Schatztruhe, in der nicht nur unsere Kulturarbeit fündig werden kann. Die Siegerin des Songtestes ist dabei noch nicht einmal eingerechnet.

Mit diesen Stichwörtern ist schon deutlich, dass unsere Kulturgeschichte nicht allein zu harmloser Geselligkeit beflügelt. Der Gegenwart wird nachgesagt, dass sie Probleme birgt und Irritationen auslöst, also geradezu ungemütlich ist. So kann sich unser kulturelles Engagement als nützlich erweisen, indem es Orientierung anbietet. Wenn wir uns aufmerksam den Fragen unserer Zeit öffnen, können wir in guter deutschbaltischer Tradition Verantwortung für die Gesellschaft wahrnehmen, in der wir leben. Dazu befähigt und legitimiert uns die reflektierte Aufnahme unserer geschichtlichen Erfahrungen. Deutschbalten lebten z.B. als Minderheit: im Baltikum, im besetzten Polen und als Flüchtlinge in Deutschland. Sie kennen die Mühsal von Integration und Neubeginn, die heute auf anderen lastet; und ebenso die Dankbarkeit für freundliche Aufnahme und Lastenausgleich im Nachkriegsdeutschland. - Deutschbalten wissen um die Bedeutung von Weltoffenheit und Bildung für die Existenzsicherung in abweisender Umgebung. Sie können Auskunft geben über den Nutzen guter Nachbarschaft im Innern wie nach außen. Sie können zum Frieden beitragen, weil sie die Katastrophen von Kriegen erlebt haben. Eine ernst zu nehmende Kulturarbeit wird also nicht in gemütvoller Rückschau verharren, sondern unsere Mitglieder motivieren und unterstützen, solche Erfahrungen für ein konstruktives Engagement in dieser, in unserer Gesellschaft zu nutzen.

Zu unseren geschichtlichen Erfahrungen gehört allerdings auch das Versagen vor unserem Erbe. Darüber nachzudenken, kann belastend sein, sogar schmerzhaft. Aber nicht nur um unserer eigenen Glaubwürdigkeit willen, sondern als Beitrag zur Bewahrung einer demokratischen Zivilgesellschaft können wir die Zeit des Nationalsozialismus nicht aus unserer Geschichte streichen. Wohin verbannten wir unser Erbe, als die Polen vertrieben und versklavt, als die Juden ghettoisiert und vernichtet wurden? In welcher Predigt eines deutschbaltischen Pastors wurde im „Warthegau“ das Schicksal der Polen und Juden zum Thema? Gehörten nicht auch allzu viele von uns zu den „Fliegen“, die dem Nationalsozialismus „auf den Leim“ gingen, wie der deutschbaltische Dichter Robert Gernhardt jenen verhängnisvollen Irrtum beschreibt? Wie lange wurde auch in unseren Familien geschwiegen? Noch heute können Vertriebenenfunktionäre Reden über das Vertreibungsschicksal halten, ohne den unentrinnbaren Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu reflektieren und dieses Wort auch nur zu erwähnen. - Dürfen wir gar übersehen, vergessen oder verschweigen, dass es auch die Täter gab, die deutschbaltischen Protagonisten im nationalsozialistischen Machtapparat und die Befehlshaber in den mordenden Einsatzgruppen der SS? - So gewiss es auch die gute konservative Widerständigkeit gab, sogar einen aktiven Widerstand von Deutschbalten, die deshalb um ihr Leben kamen: einen Alexis Freiherr von Roenne oder Wessel Freiherr Freytag von Loringhoven – so bedrückend bleibt die Einsicht in die Schwachheit unserer Traditionen in der Bewährungsprobe, in die Gefährdungen des Menschengeschlechts, dessen Schicksal wir teilen. Kultur bleibt der Bedrohung durch die Barbarei ausgesetzt. - Es war ein zukunftsweisendes Zeichen unserer Kulturarbeit, dass die Deutsch-Baltische Gesellschaft die Umsiedlung in Posen zum Thema machte und für dieses Nachdenken polnische Partner gewann. Dafür ist insbesondere Herrn Neander zu danken – und, lieber Herr Neander, auch in dieser größeren Runde: nicht nur dafür.

Als die Deutschbalten ihre Heimat verließen, überließen sie die Heimatvölker jenem Schicksal, dem sie selbst mit der Umsiedlung entgehen wollten: der stalinistischen Diktatur. Umso mehr haben wir Grund, uns mit den Esten, Letten und Litauern über die wieder gewonnene Unabhängigkeit zu freuen, Kontakte zu ihnen zu pflegen und unsere unterstützende Partnerschaft (nicht: Patenschaft) anzubieten, soweit wir dieses vermögen. Unsere Kulturarbeit wird Referenten und Künstler aus dem Baltikum einbeziehen, Anteil an der Entwicklung der baltischen Staaten nehmen und dazu beitragen, ihnen Freunde in Deutschland zu gewinnen. Sie wird auf ihre Stimme in unserem gemeinsamen großen Projekt Europa achten. Damit stehen wir nicht allein. - Die Besonderheit unserer Verbundenheit mit dem Baltikum ist, dass wir dort unsere familiären Wurzeln haben und – dass wir es lieben: die Ostsee, die weiten Landschaften mit ihren Wäldern, im Winter den reichlichen Schnee, die hellen Nächte im Sommer, seine gotischen Kirchen, den Charme seiner alten Städte, prangende Gutshäuser und sogar die dunklen Ruinen seiner Ordensburgen. Auch wenn die Jüngeren dort nicht mehr geboren sind – diese Zuneigung fliegt ihnen mit dem Stallgeruch ihrer Familien zu, die wohl noch lange ihre Duftmarken setzen werden. Unsere Kulturarbeit soll auch den Nachgeborenen diese Zuneigung bewahren helfen. Und den Gesellschaften des Baltikums soll sie belegen und im Bewusstsein halten, dass wir uns ihnen verbunden wissen - wie in unserer Geschichte, so auch in der Gegenwart.

Das war ein kurzes Statement auf einem weiten Feld. Und wie die Flur bedarf die Kultur der Pflege, damit sie fruchtbar bleibt. Wir sind dankbar für die Unterstützung dieser Arbeit – insbesondere unseren Paten: dem Land Hessen, Herr Minister Hahn, und der Stadt Darmstadt, lieber Herr Hoffmann.

Um uns zu sagen, was es sonst noch, „Was es alles gibt“, haben wir schließlich unsere Dichter – Robert Gernhardt z.B.:

Da gibt es die, die reden
Da gibt es die, die schweigen
Da gibt es die, die handeln:
Was wir sind, wird sich zeigen.

Fürwahr, selbst die lakonische Schlusszeile berechtigt zu den schönsten Hoffnungen - auch für unsere Kulturarbeit: Unser Erbe verstehen wir nicht als Privatbesitz, der satt zu hüten wäre. Wir wollen es einbringen und den kulturellen Reichtum Deutschlands mehren. So wollen wir handeln, damit sich zeigen kann, was wir sind.

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften