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Anu Allikvee

Ants Laikmaas Schüler

Über Leben und Werk des bedeutenden estnischen Malers Ants Laikmaa hat die Kuratorin des Estnischen Kunstmuseums in Tallinn, Anu Allikvee, in den MBL 1/2016 berichtet. Mit dem Schluss ihres Beitrags erinnert sie an seine Schüler, zu denen auch zahlreiche Deutschbalten gehörten.

Aus Schülern werden eigenständige Künstler. Schon 1903 wuchs die Zahl der Schüler Ants Laikmaas rasch an. Spä­ ter war eine Jahrgangsgruppe von 20 Kunststudenten ganz üblich.Von denen, die während der 25 Jahre (1903­-1907 und 1913­-1932) in der Atelierschule län­ ger oder kürzer gelebt und gelernt ha­ ben, kennt man die Namen von etwa 400 Personen, von denen sich 40 als Künstler einen Namen gemacht haben – als loka­ le Meister oder Klassiker der estnischen Kunstgeschichte. Zumeist waren sie Maler; aber es gibt auch zwei Bildhau­ er, Kunsthandwer­ ker, einen Innenar­ chitekten, Grafiker und zwei Karikatu­risten.

Das Namens­ verzeichnis ent­ hält nicht nur Es­ten, sondern auch Russen, Polen und Juden. Besonders reichlich gibt es deutsche Namen. Obwohl viele von ihnen bestimmt Esten gehören, ist doch klar, dass die deutsch­ baltische Minderheit rege beteiligt war. Das war möglich, weil Laikmaa per­fekt deutsch sprach (und die Deutschen estnisch). Besonders interessant ist, dass die Liste auch Adelige verzeichnet – und das noch vor der Geburt der Estnischen Republik! Sie machen zwar nur 3% von allen aus, was aber fast ge­ nau ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung ent­ sprach. Ungeachtet der herkömmlichen gesell­ schaftlichen Schranken lernten Barone und Ba­ronessen bei einem Bauernsohn! Das zeigt: Der Unterricht war gut, der Lehrer hatte nicht nur gute Ma­ nieren, sondern die Schule einen guten Ruf. Sie war offen und nötig für alle.

Zwei dieser Adeligen wurden bekanntere pro­ fessionelle Künstler. Erna von Brinckmann (später Brinckmann­Westphal, 1899­1967) studierte un­ gefähr zehn Jahre bei Laikmaa und profilierte sich mit ihren wunder­ baren Pastellen. Sie war auch eine begabte Karika­ turistin. Nach 1940 arbei­ tete sie in Berlin. – Ganz andere Wege ging der Portraitmaler und Kari­ katurist Otto von Kursell (1884­1967), der 1905 die Atelierschule besuch­te und dann in Dresden und München studierte. Als Gefolgsmann Hitlers und frühes Mitglied der NSDAP zeichnete er an­tisemitische Karikaturen, wurde Redakteur des Völkischen Beob­ achters, Direktor der Staatlichen Hoch­ schule für Bildende Künste in Berlin und einer der wichtigsten Protagonisten des nationalsozialistischen Kulturbetriebes. Drei Laikmaa­Schüler deutschbal­ tischer Herkunft haben sich so in das estnische Kunstleben integriert, dass sie als estnische Maler gelten. Leider hatten sie tragische Schicksale: Der Modernist Kuno Veeber (Weber, 1898­1929) ging als 31­Jähriger in den Freitod. Der er­ ste estnische Tiermaler Paul Burman (1888­1934) war von Vincent van Gogh beeinflusst und litt ebenso unter Geistes­ krankheit. Arved Erich Dörwald (1886­ 1924) studierte später in München und wurde als hervorragender Aquarellist Lehrer der Höheren Kunstschule „Pal­ las“ in Tartu. Er verunglückte früh bei einem Bootsunfall. – Einer der letzten Schüler Laikmaas war Gunter Wechter­ stein (1910­1997), der 1925­1927 in der Atelierschule lernte. Er war vor der Um­ siedlung zu jung, um tiefere Spuren in der estnischen Kunst zu hinterlassen, ist aber auch kein Unbekannter, weil er in hiesigen Ausstellungen gezeigt wur­ de. Das Estnische Kunstmuseum besitzt drei Werke von ihm. Nach dem Krieg lebte er in Minden und schuf vor allem Landschaftsbilder in Pastell (s. Titelblatt von MBL 1/2015), die deutliche Züge der Laikmaa­Schule tragen. Wie sein Leh­ rer arbeitete er als Pleinairmaler vor Ort. Er hat schnell und sicher gemalt, um gleich das Wesentliche zu treffen. Bei der Festveranstaltung zum 125. Ge­ burtstag Laikmaas, die in der frühe­ren Atelierschule bei Haapsalu (Hapsal) stattfand, hielt er in fließendem Estnisch eine bewegende Laudatio und erzählte mit viel Humor vom gemeinsamen Le­ ben des nicht immer einfachen Lehrers mit seinen Schülern. – Zu erwähnen ist auch der Innenarchitekt und Möbelge­ stalter Richard Wunderlich (1902­1976). Er war nicht nur der erste diplomierte Innenarchitekt in Estland, sondern auch einer von den besten.

Die Schülerinnen Bertha Hele­na (Ebba) Weiss (1869­-1947), Marie Magdalene (Magda) Luther (1872­ 1947) und Caroline Au­ gusta Bertha (Lilly) Walt­ her (1866–1946) wandten sich der angewandten Kunst zu. Nach Studien in Helsinki, Paris, Jena, Petersburg und Berlin bildeten sie sich 1903­ 1904 bei Laikmaa weiter und gründeten 1904 in Tallinn mit einer weite­ ren Künstlerin eine klei­ ne Firma, das „Atelier für Kunstgewerbe“. Sie wa­ ren ziemlich erfolgreich und fanden z.B. auf einer Ausstellung angewandter Kunst in Riga besonde­ re Anerkennung. Sie ha­ ben einen Grundstein für professionelles Kunstge­ werbe in Estland gelegt. Magda Luther war später die Besitzerin eines Ate­liers für Raumgestaltung, Lilly Walther eine der er­ sten Restauratorinnen in Estland.

So verschieden die Be­rufe und Schicksale der Schüler waren, so vielsei­ tig die Kunstrichtungen, die sie einschlugen. Ei­ nige folgten dem damals modischen Jugendstil und der nationalen Neuroma­ nik, andere dem Art déco oder dem Kubismus. Es gab Realisten, Impressio­ nisten und die ersten Ex­ pressionisten unter ihnen. Aber er selbst, der Leh­ rer? Viele dieser Merk­ male weist auch seine Kunst auf. Aus Düssel­ dorf hat er den Realis­ mus mitgebracht, aber auch deutliche Elemente von Impressionismus und Postimpres­ sionismus. Allerdings malte er zu groß­ zügig und kraftvoll, um ein echter Im­ pressionist zu sein. Viele seiner Arbeiten wirken sehr expressiv, aber es fehlen Spannung und Konflikt, die echtem Ex­ pressionismus so eigen sind. Manchmal kann er dekorativ und eckig sein, dann wieder ruhig und einfühlsam. Aber im­ mer malte er mit dem Herzen – genau so, wie er seine Schule leitete und den Schülern seine Leidenschaft weitergab.

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2016

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften