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Dieter Osteneck

„Bäderarchitektur“–„ein Stil, der keiner ist“

Die Vorstädte Rigas waren einst geprägt von der großen Zahl an Holzbauten; die Innenstadt rühmt sich ihrer vielen re­ präsentativen Jugendstilbauten, und wer genau hinschaut, entdeckt auch am Rigaer Strand eine Häufung von Bau­ werken aus dem 19. und beginnendem 20. Jahrhundert, die trotz ihrer großen Unterschiedlichkeit doch etliches ge­meinsam haben.

Im alten deutschen Reich begann die „Badekultur“ damit, dass 1793 der Rostocker Arzt Samuel Gottlieb Vogel seinem Landesvater Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg­Schwerin riet, am Meer einen Badeort einzurichten, weil das Bad für „sehr viele Schwachhei­ ten und Kränklichkeiten“ überaus heil­ sam sei. Die Aussicht auf ein gefülltes Staatssäckel ließ nun den Herzog nahe seiner Sommerresidenz Doberan (ohne Bad!) in Heiligendamm ein Bad grün­ den, das bald sommerlicher Treffpunkt der Arrivierten wurde. Bald schossen auch andernorts an Nord­ und Ostsee Seebäder aus dem Boden, und schnell wurde aus dem exklusiven Badeluxus ein Privileg des wohlhabenden Bürger­ tums. Zumindest für die Sommersaison wollte man den von zu Hause gewöhn­ ten hohen Standard auch an den Strand mitnehmen, und so entstanden in kurzer Zeit in den Seebädern Häuser, „Strand­ villen“, die sich die Reichen in Konkur­ renz zueinander in großer Prachtentfal­ tung erbauen ließen.

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1814 kam der scherzhaft so genann­ te „Kolumbus des Rigaschen Stran­ des“, der Pastor und Redakteur Peter David Wendt an die rigasche Küste, die eigentlich nichts anderes bot als kleine Fischersiedlungen, und begründete damit die den Rigensern später so be­ liebte Gewohnheit, die Sommermonate am Strand zu verbringen. Schon 1825­ 1830 praktizierte mit Karl Heinrich Wil­ helm Sodoffsky der erste fest angestellte Badearzt in Dubbeln, und bereits 1838 konnten die Strandorte 1682 Sommer­ gäste verzeichnen, deren Zahl sprung­ haft anstieg: Für das Jahr 1864 wird die Zahl der Badegäste mit etwa 18.000 angegeben!

Während die überwiegende Zahl der Besucher mit einfachen Quartieren vor­ liebnahm – bäuerliche Gesinde wurden während der Saison häufig von ihren Besitzern an die Städter vermietet – er­ bauten sich auch am Rigaschen Strand die Wohlhabenden ihre prächtigen Som­ merdomizile, allerdings im Unterschied zur deutschen Ostseeküste, und hier vor allem zu den Inseln Usedom („Kaiser­ bäder“!) und Rügen, nicht in der ersten Reihe „mit Seeblick“, sondern   eingebettet in die Dünenlandschaft und ver­ borgen in den dichten Kiefernwaldun­ gen, was große Grundstücke zuließ. Am Strand selbst protzten nur die Seepa­ villons.

All diese repräsentativen Bauten, ob Privathaus, Hotel, Pension, Sanatorium oder Badehaus, entstanden zu einer Zeit und aus einer Bewegung heraus, die keinen einheitlichen Stil zuließ. Man hat gar von einem Stil gesprochen, der gar keiner ist, und der Stilelemente aus der Renaissance, dem Barock, Klassizismus, Historismus, der Gründerzeit und dem zeitgenössischen Jugendstil aufsog und zusammenführte, wohl auch Anregun­ gen bei der russischen Holzhausarchi­ tektur  übernahm.

Meist besaßen diese Bauten keinen Ofen, das Dach war nur einfach ge­ deckt, die Fenster nur einfach verglast; an Wärmedämmung dachte man nicht, denn es handelte sich ausschließlich um Sommerresidenzen, deren häufig weiße Farbe ein mediterranes Flair vorspielen und sommerliche Leichtigkeit vermit­ teln sollte.

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Die meist nur zweigeschossigen Häu­ ser zeugten – jedes auf seine Art – vom Reichtum und Repräsentationswillen ihrer Erbauer/Besitzer: Eine aufgebro­ chene Front, Balkone und Veranden oder Loggien mit Balustraden, hölzer­ ne Trennelemente, oft auch mit farbigen Glaseinlagen, Giebelblenden und Dach­ überstände, Erker, Mittel­ und Eckrisa­ lite, Türmchen, Fenster mit Halbsäulen oder oval beziehungsweise rund gestal­ tet, dekorative Stuckelemente und fili­ grane Holzschnitzereien – die zur Schau gestellte Prunksucht war Ausdruck des luxuriösen Lebensstils ihrer Besitzer. Die offene Bauweise ermöglichte ein weitgehendes Leben im Freien, in der „Sommerfrische“, aber ohne den direk­ ten Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein. Noch galt die vornehme Blässe als Sta­ tussymbol!

Spätestens die Beschreibung der Bauten der „Bäderarchitektur“ be­ zeugt, dass sich in ihr auch eine sozi­ ale Komponente dokumentiert. Diese Häuser galten einer bestimmten Gesell­ schaftsschicht, sie dokumentierte de­ren finanzielle Möglichkeiten, während der einfache Bürger in seinen Bauern­ hütten oder einfachen Unterkünften seinen Urlaub verbrachte, aber eben auch nicht auf den Urlaub am Strand verzichten musste und jubeln konnte:

Umfaßt uns die See dann mit kühlendem Schauern,

Umspielt uns die Welle so lieblich und mild,

So denken an euch in der Stadt wir mit Trauern,

Die glühenden Staub nur in Wolken verhüllt.

Und preisen den Höchsten mit heißa juchhe! ...

Es locken die Wellen, es stärkt uns die See.

(Karl Heinrich Wilhelm Sodoffsky)

Bei den Abbildungen wurde bewusst auf Angaben zu Architekten, Besitzer, Ort, Entstehungsjahr verzichtet; sie sollen nicht als Einzelbeispiele stehen, sondern exemplarisch wirken. 

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2016

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften