DEUTSCH-BALTISCHE GESELLSCHAFT

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Baltische Bagatelle

Baltische Bagatelle

Jegor von Sivers

Die Nachtigall.

Und als wir in der Laube
Viel Küsse heimlich getauscht
Da hat uns eine Nachtigall
Belauscht.

Doch als wir am Theetisch saßen
Mit uns manch' fremder Gast,
Da blickte die Nachtigall gar klug
Vom Ast.

Kaum daß sie nur ihr Liedchen
Mit süßer Kehle begann,
So sahen wir erröthend und still
Uns an.

Gleich waren wir verrathen,
Von Tanten und Vettern bewacht –
Das hast du, böse Nachtigall,
Gemacht!

 

 

Frank von Auer

Ein folgenschwerer Lauschangriff

Es ist Frühling. Denn dann singt die Nachtigall und erwachen Gefühle. An warmen Tagen können sie sich bereits in einer Laube entfalten, wenn man sich dort aufhält. Vermutlich stand auch der Theetisch im Freien, den die Nachtigall im Blick hatte. Denn sie sang nicht nur, sondern besah sich ihn und die versammelte Teerunde ganz klug/ Vom Ast.

Aber der kluge Vogel hat nicht nur zugesehen, sondern auch zugehört. Bereits im tiefsten 19. Jahrhundert, also lange vor dem digitalen Zeitalter, konnte niemand vor Lauschangriffen sicher sein. Das Gedicht lässt offen, wie viele Menschen was in der Laube wirklich taten: zwei Frauen, zwei Männer? Oder drei und mehr? Oder doch lediglich, wie bei einem honorigen baltischen Gedicht dieser Zeit zu vermuten, ein Mann und eine Frau? Ist das Küssen gar nur eine pars pro toto? Warum müssen sie, und warum wir mit ihnen, erröten? Unser Dichter macht ein Geheimnis daraus: heimlich sollten Küsse getauscht werden und außerdem rätselhaft viel, was ebenfalls der Geheimhaltung unterliegen sollte. Wie jeder Whistleblower brachte auch die Nachtigall öffentlich zu Gehör, was sie zuvor belauscht hatte: Liebesgeflüster und vielleicht zart schmatzende Küsse, womit wir jedoch erneut an die Grenzen der Honorigkeit stoßen. Um die nötige mediale Öffentlichkeit zu erreichen, begann die Nachtigall ein Liedchen, das gar nicht harmlos war, obwohl es aus süßer Kehle kam, die man Whistleblowern ohnehin liebend gern zudrücken würde. Denn die Katastrophe am Theetisch folgte auf dem Fuße: Ob nun zwei oder mehrere Ertappte – sie waren verrathen und sahen sich errötend und still an: in ihrer Dramatik kaum zu steigernde, wahrlich furchtbare Folgen eines frühen Lauschangriffes!

Für diese Offenlegung eines streng gehüteten Geheimnisses gab es Zeugen. Zunächst wurde es ja nicht nur von einer, sondern von mindestens zwei Personen gehütet, von uns nämlich am Theetisch. Dann aber werden die Informationen unseres Dichters – unseres einzigen Informanten – undeutlich. Noch in der zweiten Strophe ist es manch‘ fremder Gast, den er als Zeugen aufruft, zwei Strophen weiter beruft er sich auf Tanten und Vettern, die ihm trotz der bisweilen üppigen Verwandtschaft in baltischen Kreisen so ganz fremd eigentlich nicht gewesen sein dürften. Er weiß ja auch, dass sie sich an der Überwachungsarbeit beteiligten. Natürlich unterliegen auch sie dem Verdikt, das jeden Whistleblower ereilt, der hier unter dem Pseudonym Nachtigall verborgen wird: Wie die angebliche Nachtigall kann auch die tatsächliche Verwandtschaft nur als böse gebrandmarkt werden.

Jegor von Sivers (1823-1879) konnte dieses schreckliche Geschehen in eine ländliche Idylle mit Nachtigall und Theetisch einkleiden, weil er auf dem väterlichen Gute Heimthal in Livland aufgewachsen war und sich später als Professor am Rigaer Polytechnikum gänzlich der Landwirtschaft verschrieb. Wie andere Balten und Baltinnen sind auch Landwirte der Versuchung ausgesetzt, sich poetisch zu betätigen. Bei ihm führte das zu dem schönen Ergebnis, dass er ahnend voraussah, welche Dimension der Verrat von Geheimnissen erreichen kann. So konnte er uns – wie es bei sensiblen Dichtern die Regel ist – frühzeitig warnen. Er war der erste, der einen Lauschangriff in Verse fasste. Weil er Neuland betrat, ist ihm nachzusehen, dass ihr Versmaß stolpert und das Gedicht mit Und beginnt und mit Gemacht! endet. Obwohl Sivers in Deutschland Joseph von Eichendorff und Bettina von Arnim begegnet war, gelang es ihm nicht immer, geschickt verschiedene Versund Reimkünste zur Vollendung zu bringen, ohne über einen formalen Eklektizismus hinauszugelangen (Gero von Wilpert). Aber heute sind wir doch recht froh, dass er – wie die Nachtigall ihr Liedchen – dieses Gedichtchen gemacht hat.

 

Text und biographische Angaben aus: Jeannot Emil Frhr. von Grotthuß, Baltisches Dichterbuch, Verlag von Franz Kluge, Reval1894; Gero von Wilpert, Deutschbaltische Literaturgeschichte, Verlag C.H.Beck, München 2005

Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2015

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften