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Eva Jordan-Fahrbach

Russische Seiden für ein lettisches Messgewand

In katholischen Kirchen der früheren Provinzen des Zarenreiches finden sich noch heute Messgewänder – Zeugnisse einer hoch entwickelten russischen Seidenkunst. Nach der Reformation hatte sich die Zahl der katholischen Gemeinden in Lettland erheblich verringert und konzentrierte sich auf die Gebiete, die dem Königreich Polen/Litauen unterstanden. Das war vor allem Letgallen, der südliche Teil Livlands, der nach dem polnisch-schwedischen Kriege 1629 bei Polen verblieb. Hier stehen auch in der Gegenwart viele katholische Kirchen. In der kleinen, 1760 geweihten Holzkirche von Freiman/Freimani, haben sich die meisten Messgewänder erhalten.

Kostbare, schwere Seidenstoffe gehörten wie Perücken für den europäischen Hochadel des 18. Jahrhunderts zu den begehrten Statussymbolen. Die häufig mit Goldund Silberfäden gemusterten Gewebe waren wegen der komplizierten Herstellung außerordentlich kostspielig. Besonderen Aufwand soll u.a. Zarin Elisabeth getrieben haben, die ihre Roben mindestens einmal täglich zu wechseln pflegte und keine zwei Mal trug. Am Ende ihres Lebens soll sie 15.000 Kleider besessen haben.

Wie Ludwig XIV. hatte sich auch Peter der Große um den Aufbau einer eigenen Seidenindustrie bemüht – allerdings mit mäßigem Erfolg. Im Süden der Ukraine wurden ab 1720 erste Versuche zum Aufbau von Maulbeerplantagen und Anlagen für die Seidenraupenzucht unternommen. Ihre Erträge waren aber in den ersten Jahrzehnten außerordentlich gering, denn in mehreren sehr kalten Wintern erfroren die Raupen und Maulbeerbäume. Weitere Verluste waren der wenig sachkundigen Pflege der Raupen geschuldet.

1717 entstand in Fryanovo östlich von Moskau eine Seidenweberei. Sie wurde 1758 von einem aus Persien stammenden armenischen Seidenhändler, Lazar Nazarovich Lazarev, aufgekauft. In der Folgezeit gelang es ihm und seinen Söhnen, seine Manufaktur mit Hilfe französischer Musterzeichner sowie italienischer Spinner und Färber zur bedeutendsten Produktionsstätte von Seidenstoffen für den Zarenhof zu entwickeln.

Um die Herstellung einheimischer Seiden zusätzlich zu fördern und vor Konkurrenz durch Importwaren zu schützen, erließ Elisabeth 1744 ein Dekret, das die Produzenten zur Kennzeichnung ihrer Erzeugnisse verpflichtet. Dazu wurde am Anfang und Ende einer Stoffbahn das Firmenkürzel eingewebt. Im Falle der Lazarev-Manufaktur waren es zwischen 1786 und 1794 die Buchstaben ф:к:с:и:л:л:в:с:ф.

Aus Freiman stammt eine Kasel (Messgewand) mit Zubehör, die aus zwei verschiedenen Seidengeweben besteht. Das Muster der Seitenteile gleicht dem der signierten Seide aus der Ermitage, die zwischen 1786 und 1794 entstand. Die zweite Seide zeigt Bouquets aus roten Rosen und silbernen Ähren auf grünem, geripptem Grund. Solche gerippten Stoffe mit der Bezeichnung „Cannelé simpleté“ waren in Frankreich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mode gekommen und erfreuten sich in Russland noch gut ein halbes Jahrhundert später großer Beliebtheit. Aus ihnen wurden nicht nur Messgewänder gearbeitet, sondern ebenso Sarafane, die ärmellosen Kleider der russischen Frauentracht.

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 2/2015

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften