DEUTSCH-BALTISCHE GESELLSCHAFT

  • Generationentreffen in Annaberg 2016
    Generationentreffen in Annaberg 2016
  • Internationale Kulturtage Mare Balticum 2016
    Internationale Kulturtage Mare Balticum 2016
  • Das Haus der Deutsch-Baltischen Gesellschaft in Darmstadt
    Das Haus der Deutsch-Baltischen Gesellschaft in Darmstadt
  • Gartenausstellungen am Haus der Deutsch-Balten in Darmstadt
    Gartenausstellungen am Haus der Deutsch-Balten in Darmstadt
  • Tallinn in Estland
    Tallinn in Estland

Avo Uprus

Flüchtlinge in Estland

Zum Auftrag der Kirche

Bringet den Durstigen Wasser entgegen, die ihr wohnet im Lande Thema; bietet Brot den Flüchtigen. Denn sie fliehen vor dem Schwert, ja vor dem bloßen Schwert, vor dem gespannten Bogen, vor dem großen Streit. Jes 21, 14-15

Die Bibel weiß von der mit Wanderung und Flucht verbundenen Gewalt und Tragik. Die Flüchtlingskrisen sind eine Probe auf Glaube und Liebe der Völker und der Einzelnen, die sich Christen nennen, und damit für die Kirchen. Auch die UNO-Deklaration der Menschenrechte plädiert für den Umgang miteinander „im Geist der Geschwisterlichkeit“.

Den Flüchtlingen als einer besonderen Gruppe von Hilfebedürftigen zu helfen, ist kompliziert, wenn die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen uns und ihnen unbedacht und Beurteilungen oberflächlich bleiben, man nicht genau hinsieht und zuhört. Aufgrund kultureller Unterschiede wird die Gleichwertigkeit aller Menschen leicht vergessen. Sie aber ist das Fundament des Gemeinschaftslebens, in dem „wir“ und „ihr“, das „Eigene“ und das „Fremde“ durch ein neues Dasein ersetzt werden. Ist das Assimilation? Möglich. Jedenfalls wird die Gefahr von Konflikten, Ablehnungen, Angriffen oder gar Kriegen reduziert, wenn das gemeinschaftliche Leben zu einer Integration führt, die nicht nur die andere Seite, sondern auch uns selbst verändert.

Die Situation in Estland ist einfacher als die in Europa und insbesondere Skandinavien. Wir gelten nicht als Zielstaat der Einwanderung, weil unser Lebensstandard relativ niedrig und unser Klima kalt ist. Dennoch haben Staat und Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) ihre Solidarität mit Europa gezeigt. Von der EELK wird die Unterstützung der Menschen erwartet, die den FlüchtlingsStatus bereits vor der Einreise hatten, also eine Wohnung bekommen haben und die Kommunen sie unterstützen, bis sie ihr Leben selbst gestalten können.

In Estland gibt es keinen Bedarf und keinen Plan, Flüchtlingslager einzurichten. Wir öffnen ihnen unsere Räume. Dabei können wir uns den Luxus leisten, sie nicht als Masse, sondern als Familien und Privatpersonen zu behandeln. Der Staat hat zugesagt, innerhalb von zwei Jahren 550 Flüchtlinge aufzunehmen. Die EELK will gemeinsam mit den anderen Mitgliedskirchen des Estnischen Kirchenrates ein Fünftel von ihnen betreuen. Im Verhältnis zur Gesamtpopulation des Landes ist dieses Maß vernünftig und fair. Dabei will die EELK vor allem Mitchristen unterstützen, weil ihre Integration wegen der gemeinsamen Werte und Glaubens bessere Ergebnisse verspricht. Identifizierung, Feststellung der Schutzbedürftigkeit, Sicherheitsund Gesundheitsüberprüfung erfolgen bereits bei der Erstaufnahme im Ausland. Familien und Mütter mit Kindern werden bevorzugt.

Die Flüchtlinge erhalten eine Aufenthaltserlaubnis, Unterkünfte und die notwendigen Dienstleistungen wie Sprachkurse und Übersetzungen, die gemäß internationaler Vereinbarung für zwei Jahre garantiert sind. Sie erhalten Arbeitslosenunterstützung und können sich einen Job suchen. Wie alle Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung können sie (mit staatlicher Beratung) Sozial hilfe beantragen, deren Höhe der von estnischen Bürgern in vergleichbarer Situation entspricht. Ein Koordinationsrat der beteiligten Partner bespricht alle drei Wochen mit dem Innenministerium die Flüchtlingssituation. Dieses Netzwerk ermöglicht eine gemeinsam geplante und praktizierte Flüchtlingepolitik, fördert die Integration und hilft, dass die Flüchtlinge die Sprache er- lernen, die Regeln des gemeinsamen Lebens und die Gesetze verstehen, die Gleichwertigkeit der Männer und Frauen achten und Kenntnisse über Erste Hilfe oder Hygienestandards erhalten.

Wir wissen uns verpflichtet, den Frieden in Europa zu bewahren – noch mehr aber, den Frieden in unserem Herzen. Wie könnte das möglich sein, wenn wir unseren Mitmenschen abwei- sen würden?

Avo Üprus ist Pastor und Leiter der Diakonie und gesellschaftlichen Arbeit in der EELK

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 3/2016

 

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften