DEUTSCH-BALTISCHE GESELLSCHAFT

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Martin Lenz

Beratung und Begleitung

Flüchtlingshilfe in Bonn

An einem Dienstag, Anfang August 2016, um 18 Uhr im Büro von Amnesty International in der Bonner Altstadt: Sprechstunden-Dienst von der Asylgruppe haben der Theater-Regieassistent Bastian, die Juristin Ellen, die bei der Post arbeitet, und der Pensionär Martin, der früher im Bundesfamilienministerium tätig war. Vor dem Büro warten bereits zwei Brüder aus Syrien: der ältere Mitte zwanzig, der jüngere zwölf Jahre alt. Begleitet werden sie von einer Dame und einem Herrn aus Bonn, die sich wie tausend Andere in der Flüchtlingshilfe engagieren. Sie hilft bei der Übersetzung, er und seine Familie haben den Jungen vorläufig bei sich aufgenommen.

Die beiden Brüder sind seit vielen Monaten in Bonn und wissen nichts über ihre Bleiberechts-Chancen. Seit ihrer Registrierung geht es nicht mehr voran. Sie konnten bisher noch nicht einmal einen Asylantrag stellen. Umso ungewisser ist der Termin für ihre Anhörung im Asylverfahren durch das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Die Nürnberger Riesen-Zentrale verweist auf ihre Burbacher Außenstelle im Siegerland (NRW). Diese antwortet nicht auf Anfragen. Der ältere Bruder floh aus Syrien, als er zum Militär einberufen wurde. Die Familie folgte ihm in die Türkei und befindet sich dort noch immer. Nur der kleine Bruder kam mit nach Deutschland. Juristin Ellen hat am nächsten Morgen zufällig einen Termin beim Bonner Ausländeramt. Sie erkundigt sich dort nach dem Sachstand für die Brüder: Der Beamte, durchaus freundlich, aber ohne zusätzliche Informationen. Man müsse einfach warten und könne leider nichts zur Beschleunigung beitragen.

Zurück zur Sprechstunde: Als nächstes kommt eine Marokkanerin, Anfang 30. Ihre Familie kam vor über zwanzig Jahren nach Bonn. Seit dem Tod ihrer Eltern hat sie nur noch ihren geliebtgutartigen, etwas sorglosen Bruder. Er wurde in Malaysia wegen Rauschgift in seinem Urlaubsgepäck zum Tode verurteilt, Urteilsbestätigung gerade in letzter Instanz, noch kein Termin der Vollstrekkung. Die ganz verzweifelte Schwester glaubt ihm, dass er das Opfer von kriminellen Reisebegleitern wurde, die sich vor Gericht zu seinen Lasten durch falsche Aussagen aus der Affäre zogen. Sie war schon in Kuala Lumpur bei der marokkanischen Botschaft und einem Anwalt, bekam aber kaum Unterstützung. Martin vereinbart für die nächsten Tage einen Beratunmgstermin bei einem im internationalen Recht sehr qualifizierten Bonner Anwalt, der im Kontakt zu seinem tüchtigen malayischen Kollegen steht, und wird mit ihr dorthin gehen. Wegen des erschütternden Falles würde die Asylgruppe notfalls die Anwaltskosten auch selbst bezahlen. Sie informiert sich bei der deutschen Amnesty Sektion in Berlin über Menschenrechte in Malaysia und denkbare Aktionen.

Eine achtköpfige Familie aus dem Kosovo, zwei minderjährige Kinder im laufenden Nachhilfeunterricht beim Verein „Ausbildung statt Abschiebung“ (AsA), wird nachts um drei Uhr durch Klingeln und Klopfen aus dem Schlaf gerissen. Vor der Tür steht die offizielle Abschiebungsgruppe (Ausländeramt, Polizei, Arzt, Fürsorge), sie bemüht sich natürlich um ihre friedliche Aufgabenerfüllung. Dennoch ist die Familie verstört. Der „Besuch“ war nicht angekündigt. Dass eine Großfamilie vor einem Abschiebungstermin untertaucht, war unwahrscheinlich.

Ein 12-jähriger Afghane kam nach der Ermordung seiner Eltern nach Deutschland, absolvierte mit AsA-Hilfe in Bonn den Hauptschulabschluss und hatte als Arbeitnehmer in einem Textilgeschäft sein gesichertes Einkommen. Dann beging er leider im Affekt, erregter Eifersucht, die Körperverletzung (nicht sexueller Art) seiner Freundin, schlimm genug, zum Glück ohne bleibende schwere Folgen. Er erhielt eine Haftstraße auf Bewährung, die er ohne neue Straftat bestanden hat. Seitdem sieht das Bonner Ausländeramt in ihm eine Gefahr für Deutschland und strebt seine Abschiebung an. Wegen begründeter Selbstmordgefahr kam er für viele Wochen in die stationäre Psychiatrie. Er verlor für lange Zeit seine Arbeitserlaubnis. Dann stellte ihn das DRK als Dolmetscher in einem Bonner Flüchtlingsheim ein, entließ ihn allerdings wieder nach Kenntnis von seiner damaligen einzigen Straftat. Alle Bemühungen um ihn – er hatte mit Freude gearbeitet und wie jeder eine zweite Chance verdient, – stießen beim DRK auf taube Ohren. Seitdem ist er wieder arbeitslos.

Ein junger Flüchtling aus Guinea hat bei AsA sehr gut Deutsch gelernt und sich auch für eine berufliche Ausbildung qualifiziert. Da das BAMF seinen Asylantrag ablehnte, will ihn das Siegburger Ausländeramt abschieben. Ein hiesiger engagierter Arbeitgeber möchte ihn zum dringend benötigten KFZMechatroniker ausbilden. Das Ausländeramt verweigert seine Arbeitserlaubnis und meint ungerührt, der mittellose junge Mann solle erstmal nach Guinea zurückkehren und sich dort bei der deutschen Botschaft um ein Visum mit Arbeitserlaubnis bemühen. AsA wandte sich wegen seines Falles an die regionalen Landtagsund Bundestagsabgeordneten mit allerdings bescheidener Resonanz, zugleich an die Düsseldorfer Härtefallkommission, deren Bescheid trotz Nachfragen auf sich warten lässt. Der junge Flüchtling hängt unfreiwillig beschäftigungslos herum. – Von AsA betreute Flüchtlinge erleben die deutschen Behördern zwar immer als korrekt, aber nicht selten als wenig barmherzig.

Bonn lebt von einem beeindruckenden ehrenamtlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe – durch Wohlfahrtsverbände, Stiftungen, Kirchengemeinden, gemeinnützigeVereine und Bürgerinitiativen. „Save me Bonn“ bestand vor sieben Jahren aus einer Handvoll couragierter Frauen, jetzt ist sie eine große Organisation. Der 2001 gegründete Verein AsA begann mit der Betreuung von 12 alleinstehenden jungen Flüchtlingen, heute sind es ständig fast 200. Die Betreuung im Nachhilfeunterricht, Vorbereitung auf die berufliche Ausbildung, Freizeitgestaltung und Kontakt zu den Behörden ist nur mit Hilfe unzähliger Ehrenamtlicher möglich.

Merkels trotzig-mutiger JahrhundertSatz bleibt ungeachtet aller Schwierigkeiten Segen und Verpflichtung für Deutschland und wird noch auf ihrem Grabstein stehen.

Dr. Martin Lenz ist Jurist und beteiligt sich an der Flüchtlinghilfe von Amnesty International und AsA. 

Quelle: Mitteilungen aus baltischem Leben – 3/2016

Die Deutsch-Baltischen Gesellschaften